Auf gefährlicher Mission

»Wurde schon der Vorschlag geäußert, die Pegasuseier durch die Sonnenfeder eines Greifs zu retten? Schließlich enthalten ihre Kiele eine Substanz, die sogar Metall und Stein zum Wachsen bringt.«

Die Stille, die Buceros’ Worten folgte, war so vollkommen, dass Ben einen überraschten Blick mit Fliegenbein wechselte. Er entdeckte nicht nur Ablehnung auf den Gesichtern, die von den Bildschirmen blickten, sondern auch einen Schatten von Furcht. Das einzige Gesicht, das sich aufgehellt hatte, war das von Barnabas.

»Nein, den Vorschlag hatten wir noch nicht, Sutan«, sagte er. »Sehr interessant. Und sehr peinlich, dass ich nicht selbst darauf gekommen bin! Das könnte in der Tat die Lösung sein!«

»Aber Barnabas!«, rief Jane Gridall. »Greife sind wohl kaum für ihre Hilfsbereitschaft bekannt. Im Gegenteil. Sie verachten jede andere Kreatur! Ein Greif sieht alle Lebewesen nur als Beute an. Mit uns Menschen haben sie sich früher bloß eingelassen, weil wir ähnlich denken, aber das ist mehr als ein Jahrtausend her! Haben sie nicht nach irgendeiner Schlacht allen Menschen den Krieg erklärt und sind seither unauffindbar?«

»… eine, wie wir alle wissen, sehr begründete Reaktion auf die zwei großen G der menschlichen Spezies«, kommentierte Sutan Buceros.

Ben sah Barnabas fragend an.

»Gier und Größenwahn«, flüsterte er Ben zu. »

Ja, wir alle hier sind uns der zwei großen G schmerzlich bewusst, Sutan«, sagte Barnabas laut. »Ich glaube, sagen zu dürfen, dass wir das auch schon alle bewiesen haben. Aber hier geht es nicht um Menschen, sondern um das Überleben der letzten geflügelten Pferde!«

»Nun, ich fürchte, genau das verschärft das Problem, Barnabas.« Inua Ellams klang stets so, als sänge er die Worte mit seiner Stimme aus dunklem Samt. »Soweit mir bekannt ist, betrachten Greife Pferde als noch verachtenswerter und überflüssiger als jedes andere Lebewesen! Die Flügel machen da sicher keinen Unterschied.«

Die Köpfe auf den Bildschirmen nickten zustimmend und sichtlich erleichtert. Ben wusste nicht viel über Greife, aber vor ein paar Jahren hatte ihn ein Riesenvogel namens Rock fast an sein Küken verfüttert. Wenn Ben sich recht erinnerte, hatten Greife nicht nur einen ähnlich Furcht einflößenden Schnabel, sondern zusätzlich die Pranken eines Löwen und, als reichte das noch nicht, eine Giftschlange als Schwanz.

»Ich habe mehr als zwanzig Jahre lang nach einem Pegasus gesucht«, sagte Barnabas. »All die Jahre mit der Angst, dass es sie nicht mehr gibt, wie so viele andere wunderbare Geschöpfe. Und nun, wo es nach Jahrhunderten sogar Hoffnung auf Nachwuchs gibt, soll ich aufgeben? Unmöglich! Ich werde nicht untätig zusehen, wie diese Glück bringenden Geschöpfe aus meiner Welt und der meiner Kinder verschwinden! Selbst wenn das bedeutet, dass ich ein Fabelwesen um Hilfe bitten muss, das stolz auf seine Grausamkeit und sein Geschick beim Töten ist!

Wird es den Fabelwesen-Schützern gelingen, das Leben der kleinen Pegasus-Fohlen zu retten? Begleite Drachenreiter Ben und seine Gefährten auf ihrer mutigen Mission. Eine Reise voller Abenteuer und Gefahren liegt vor Ihnen. Und es bleibt Ihnen nicht mehr viel Zeit …

Leseprobe Ben und Barnabas

aus: „Drachenreiter – Die Feder eines Greifs“ von Cornelia Funke

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